Woher der Valentinstag eigentlich kommt, ist bis heute nicht ganz eindeutig. Dass er in seiner heutigen Form stark von den USA geprägt ist, daran besteht kaum Zweifel. Der Valentinstag passt bestens in ein System, das Gefühle gern in Produkte übersetzt: rote Schleifchen, Herzform inklusive, Preis nach oben offen. Alles bitte ein bisschen größer, verbindlicher und teurer.
In Großbritannien und Deutschland gehen diese kapitalistischen Prinzipien zwar nicht spurlos vorbei, aber man hält tapfer dagegen. Das Bedürfnis nach Bodenhaftung, Langsamkeit und Dingen, die sich nicht sofort monetarisieren lassen, wächst – von Garmisch-Partenkirchen bis nach Glasgow. In meiner eigenen, sehr deutschen Familienlogik firmierte der Valentinstag lange als Erfindung der Blumenmafia. Die Briten halten dem Kapitalismus – surprise, surprise – am 14. Februar mit Tradition entgegen.
Ein literarischer Querschnitt durch mehrere Jahrhunderte
Im Land von William Shakespeare gibt es am Valentinstag daher weniger Rosen als schöne Worte. Poetry statt Pralinen, Texte statt Tulpen. Und wo ließe sich dafür besser Inspiration finden als in der National Poetry Library in London?
In der National Poetry Library finden sich Gedichte, kurze Prosatexte und Liebesbriefe aus mehreren Jahrhunderten. Die Sammlung bildet keinen Kanon im engeren Sinne ab, sondern einen Querschnitt durch die englische Literaturgeschichte. Von der Renaissance über das viktorianische Zeitalter bis zur Gegenwartslyrik zeigt sich, wie unterschiedlich britische Autorinnen und Autoren über Liebe geschrieben haben und welche Themen sie jeweils in den Mittelpunkt rückten.
William Shakespeare: Liebe, Zeit und Abhängigkeit
Mit Romeo und Julia schrieb Shakespeare eines der bekanntesten Liebesdramen der Literaturgeschichte. Das Stück zeigt Verliebtheit unter extremem Zeitdruck und Entscheidungen, die keinen Ausweg lassen. Wer es liest oder sieht, erkennt schnell, dass Shakespeare Liebe nicht als stabilen Zustand beschreibt, sondern als Auslöser von Handeln mit konkreten Konsequenzen.
Diese Perspektive prägt auch die Sonetten. In ihnen geht es um Begehren, Eifersucht, Unsicherheit und Abhängigkeit vom Gegenüber. Shakespeare schrieb die Gedichte parallel zu seinen Dramen. Sie gehören bis heute zum Kernbestand der englischen Renaissance-Lyrik. Viele der Texte behandeln Liebe als unerfüllt oder gefährdet und vermeiden jede Form von Idealisierung, was sich deutlich von späteren populären Liebeserzählungen unterscheidet.
John Donne: Liebe als Argument
John Donne zählt zu den prägenden Dichtern des 17. Jahrhunderts und gilt als zentraler Vertreter der metaphysischen Lyrik. In Gedichten wie The Flea oder A Valediction: Forbidding Mourning geht es um körperliche Nähe, Trennung und Treue. Donne arbeitet mit Argumenten, Vergleichen und logischen Figuren. Liebe wird bei ihm begründet, verteidigt und sprachlich ausgehandelt. Seine Texte gehören bis heute zum festen Lehrstoff der englischen Literaturgeschichte.
Elizabeth Barrett Browning: Partnerschaft aus eigener Erfahrung
Elizabeth Barrett Browning schrieb im 19. Jahrhundert und zählt zu den wichtigsten Lyrikerinnen der viktorianischen Epoche. In den Sonnets from the Portuguese beschreibt sie eine Liebesbeziehung aus eigener Perspektive. Die Gedichte thematisieren Vertrauen, Nähe und die Entwicklung einer Partnerschaft. Browning verbindet formale Strenge mit autobiografischem Material und etabliert damit eine öffentlich sichtbare weibliche Stimme in der englischen Liebesdichtung.
Philip Larkin: Nähe im Alltag
Philip Larkin prägte die britische Lyrik der Nachkriegszeit. In Gedichten wie Talking in Bed oder Wild Oats beschreibt er Beziehungen in alltäglichen Situationen. Die Texte zeigen Nähe, Kommunikationsprobleme und die Distanz, die selbst zwischen vertrauten Menschen entstehen kann. Larkin gilt als zentrale Figur der Movement-Dichter. Seine nüchterne, präzise Sprache beeinflusste die britische Lyrik nachhaltig.
Carol Ann Duffy: Blick auf Beziehungen
Carol Ann Duffy war von 2009 bis 2019 Poet Laureate des Vereinigten Königreichs. In Gedichtbänden wie Rapture oder The World’s Wife schreibt sie über Liebesbeziehungen aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Texte thematisieren Rollenverteilungen, Machtverhältnisse und Identitäten innerhalb von Beziehungen. Duffys Werk gehört heute zum festen Bestandteil des britischen Schul- und Hochschulkanons und prägt die zeitgenössische Lyrik.
Liebesbriefe und Gedichte zum Valentinstag
Vielleicht liegt gerade darin eine naheliegende Idee für den Valentinstag. Nicht als Anlass für große Gesten oder Geldausgaben, sondern als Einladung, sich zu erinnern, worum es bei der Liebe eigentlich geht: Zeit miteinander zu verbringen, zuzuhören und sich schöne Dinge zu sagen.
Warum nicht einmal auf das übliche Ritual verzichten und stattdessen gemeinsam lesen? Sich Liebesbriefe, Gedichte oder kurze Texte vorlesen, die über Jahrhunderte hinweg entstanden sind.
Und falls Ihnen gerade kein passender Text einfällt, haben wir eine Idee für Sie. Wie wäre es mit einem der bekanntesten Liebeszitate aus William Shakespeares Romeo und Julia:
“My bounty is as boundless as the sea,
My love as deep; the more I give to thee,
The more I have, for both are infinite.”


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