Unser Redakteur Stephan Mark Stirnimann war diesen Sommer in Schottland unterwegs und hat sich dort in einen Holiday Park gewagt. Hier ist sein Bericht.
Für unseren diesjährigen „Seaside holiday trip“ haben wir uns eine besondere Art von britischer Ferienunterkunft ausgesucht – nämlich einen sogenannten Holiday Park. Es handelt sich dabei um eine Institution, die seit Generationen die Britinnen und Briten aus allen sozialen Schichten zusammenbringt, vornehmlich zu den Sommermonaten. Aus der Vogelperspektive, in der man sich ja bekanntlich seit der Erfindung der Drohnen in den meisten Werbefilmen wiederfindet, sieht solch ein Holiday Park wie ein kleines Dorf mit uniformen Häusern aus. Bei diesen Häusern handelt es sich um Caravans, also stationären Wohnwagen, die auf Stelzen etwas in die Höhe gehoben sind und schön in Reih und Glied stehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich viele Familien keine Auslandsferien leisten konnten, wurden solche Ferien an den Küsten – sozusagen vor der Haustüre – zu einem Klassiker.
Der Nachbar lässt grüßen
Unseren Holiday Park haben wir im Internet über einen der vielen Anbieter gebucht. Es ist, als ob man sich die eigene Ferienwunschliste selbst erfüllen könnte – vorausgesetzt, der Geldbeutel lässt dies auch zu. Die Chancen für günstige Ferien stehen gut, denn gerade bei der britischen Arbeiterklasse stehen solche All-Inclusive Ferien hoch im Kurs. Die Caravans eignen sich hervorragend als familiärer Rückzugsort in die „eigenen vier Wände“ und bieten auch Paaren eine gemütliche Zweisamkeit. Denn in beiden Fällen schätzen die Gäste ihre Unabhängigkeit. So kann man sein Auto direkt neben den Caravan parken, was eine enorme Hilfe beim Aus- und Einladen der Gepäckstücke bedeutet. Auch kann man den Einkauf vom Auto direkt in das Feriendomizil tragen. Und wer es doch etwas gesellig mag, der ruft einfach zum nächsten Nachbarn rüber, der bestimmt auf einen „nice cup of tea“ vorbeikommt.
Einen Steinwurf vom Meer entfernt
Bei der Auswahl unseres Ferienortes haben wir bewusst einen Strandort gewählt – und das sogar im hohen Norden Schottlands. Und tatsächlich, die goldfarbenen Strände aus dem Online-Katalog entsprechen der Wirklichkeit und sind vor Ort sogar noch viel schöner. Wir waren schlicht begeistert und positiv überrascht von der Sauberkeit der Anlage, dem Angebot für Groß und Klein, dem kleinen Supermarkt und der britischen Küche im parkeigenen Restaurant. Das Nonplusultra ist natürlich die Freundlichkeit der Angestellten. Einzig der Indoor-Pool ist etwas klein – an einem regnerischen Tag ohnehin eher für Kinder gedacht. Man darf nicht vergessen, dass einen Steinwurf über der Düne die Nordseeküste, die Riviera des Nordens, wartet.
Live-Entertainment gehört dazu
Etwas gewöhnungsbedürftig ist für uns die ziemlich lautstarke, aber sehr fröhliche Kinderunterhaltung, die am frühen Abend beginnt. Jeden Abend zaubern Angestellte eine Show auf die Bühne, bevor es zu später Stunde für die Erwachsenen dann Live-Musik oder – wie kann es anders sein – einen Bingo-Abend gibt. Da sind dann selbst die sich doch ständig in Feierlaune befindlichen Briten auf einmal in einer konzentrierten Stimmung. Schließlich gibt es als Hauptpreis eine Ferienverlängerung von einer Woche in einem Holiday Park der gleichen Kette. Es lohnt sich also, das Abendprogramm genau zu studieren, sonst landet man womöglich in einer Kinder-Disco, obwohl man sich eher eine richtig gute Party unter Gleichaltrigen vorgestellt hat.
Besitzer des Ferienglücks werden
Was uns aufgefallen ist, sind die vielen Werbehinweise und Ermutigungen, selbst „Herr“ eines Caravans zu werden. Eine solche „Ownership“ verheißt nicht nur einen fast ganzjährigen freien Platz vor Ort, sondern auch die Möglichkeit, dieses Mini-Haus in der eigenen Abwesenheit an andere Feriengäste zu vermieten. Klingt doch schon mal sehr vernünftig, möchte man meinen. Bei genauerem Hinsehen (und Nachfragen) erfährt man, dass die Caravans ausschließlich zu Ferienzwecken benutzt werden dürfen. Also aus mit dem Traum eines Homeoffices in Schottland mit Meeresblick! Außerdem sind der Park und damit alle Caravans für drei Monate über den Winter geschlossen. Nicht zu vergessen ist auch die Standplatzmiete und der Gasbedarf, der nicht unterschätzt werden darf, denn neben jedem Caravan stehen zwei fast mannshohe Gaszylinder.
Ruhe und Natur pur
Auf alle Fälle haben wir rasch gemerkt, in unserem Holiday Park hat man es selbst in der Hand, ob man sich mit Nachbarn zum Bingo trifft oder doch lieber einen Sprung über die Dünen wagt.. Wir haben uns an den meisten Tagen (und Abenden!) für die letztere Wahl entschieden und wurden reichlich belohnt: Wir beobachteten drei quirlige Austernfischer auf der Suche nach Nahrung, wir entdeckten Delfine vor uns in der ruhigen See und genossen dank der nördlichen Lage Schottlands schon für unsere Verhältnisse sehr helle Nächte. Der anschließende Schlaf blieb ungestört: kein Autolärm, keine Zuglinie, keine Flugzeuge. Trotzdem hatten wir eine ganz eigene Geräuschkulisse. Auf unserem Dach hat sich eine Heringsmöwe entschieden, ihr Nest zu bauen. Und weil diese Vogelart in Großbritannien streng geschützt ist – den vielen Fish n’Chips Fans unbegreiflich, denn sie sind bekannt dafür, im Tiefflug die Chips zu erbeuten – darf man sie auch nicht vom Dach verjagen. Nun, das feine Tripp-Trapp-Geräusch auf dem Blechdach hat uns wohl irgendwann doch noch in den Schlaf gewiegt. Fest steht: Der Holiday Park wird uns schon bald wieder als Gast begrüßen, denn wir kommen wieder!


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