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Grossbritanniens stille Wasserwege

Grossbritanniens stille Wasserwege

Wer kennt sie nicht – die unzähligen Wasserstraßen Großbritanniens, auf denen Schmalboote und Schwäne scheinbar in einem anderen Lebensrhythmus ihre gemächlichen Bahnen ziehen? Schwer vorzustellen, dass noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein regelrechtes „Gewusel“ an Menschen, Tieren und Booten herrschte. 

Grund dafür war das rund 6.000 Kilometer lange Kanalnetz, das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gebaut wurde. Über diesen Weg wurden Rohstoffe und Waren während der industriellen Revolution schneller und günstiger transportiert. Pferde zogen Lastkähne auf Treidelpfaden und bewegten dabei ein Vielfaches dessen, was damals auf Straßen möglich gewesen wäre. Der Bau des ersten erfolgreichen Kanalsystems senkte die Transportkosten stark und förderte die Industrialisierung. 

Im 19. Jahrhundert wurden die Kanäle jedoch zunehmend von Eisenbahnen und später von Straßen verdrängt und verloren ihre wirtschaftliche Bedeutung. Im 21. Jahrhundert bekamen die Kanäle eine neue Rolle, denn heute locken sie Scharen von Gästen für Freizeit und Tourismus. 

Viele Boote dienen als Haus- oder Ferienboote, und die Wasserwege sind bei Freizeitkapitänen sehr beliebt. Außerdem nutzen Wanderer, Radfahrer und Angler die ehemaligen Pfade entlang der Kanäle. Einige Seitenkanäle sind zu wahren Oasen für die Tier- und Pflanzenwelt geworden und somit von hoher ökologischer Bedeutung.

Telford – dieser Name steht für höchste Ingenieurskunst

Thomas Telford war einer der bedeutendsten Bauingenieure der Industriellen Revolution. Er prägte Großbritanniens Verkehrsnetz wie kaum ein anderer – mit Straßen, Brücken, Häfen und vor allem Kanälen. Telford begann seine Laufbahn als Steinmetz in Dumfriesshire in Schottland. Bald wurde er für die Planung von Brücken, Kanälen, Häfen, Tunneln und Straßen im ganzen Land gefragt – und hinterließ überall seine Handschrift: knapp 1.600 Kilometer Straße, rund 1.200 Brücken sowie unzählige Häuser, Kirchen und Piers.

Ein Museum für Kanäle 

Das National Waterways Museum in Ellesmere Port (Cheshire) beherbergt 90 Prozent der Sammlungen der Binnenwasserstraßen Großbritanniens: 15.000 Objekte und mehr als 50 Boote warten auf den Besucher in diesem ehemaligen Kanalhafen. Dieses Freilichtmuseum ist nicht nur bei Touristen beliebt, sondern gehört für viele britische Schulklassen zum festen Ausflugsprogramm. Immerhin kann man hier historische Docks, Schleusen und Lagerhäuser inspizieren. Selbst die Werkstätten mit ihrer historischen Schmiede sind noch gut erhalten. Das Museum ist kein klassisches Gebäude-Museum, sondern ein komplettes Kanal- und Industriegebiet, das wie eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert funktioniert. Auch hier war Telford tätig: Ab 1793 war er als Ingenieur am Bau des Ellesmere Canal beteiligt, der Bergwerke und Eisenhütten in Nordwales mit dem englischen Kanalnetz verbinden sollte. Dadurch konnten Kohle, Eisen und Kalk wesentlich günstiger transportiert werden.

Little Venice in London

Little Venice ist eine Oase des Friedens und der Ruhe. Wahrscheinlich hat der Dichter Robert Browning sich diesen Namen erdacht.  Little Venice ist ein guter Einstieg für alle, die gerade in London sind und die Kanäle entdecken möchten. Eigentlich handelt es sich um ein wohlhabendes Wohnviertel im Norden von London. Doch hier begegnen Ihnen Dutzende von schmalen Booten und Wassercafés – also Boote, in denen man gemütlich einkehren kann. Sogar eine schwimmende Kunstgalerie und kleinere Hotelboote, meistens für vier Personen, finden Sie dort. 

Llangollen in Wales

Obwohl es deutlich weniger Kanäle als in England gibt, kommen Kanalliebhaber in Wales auf ihre Kosten. Unser Tipp: Besuchen Sie die walisische Ortschaft Llangollen. Steigen Sie dort auf eines der Schmalboote und „gondeln“ Sie wahlweise mit dem Motor oder von einem Pferd gezogen ganz gemächlich durch die malerische Landschaft. Hier steht Telfords berühmtestes Bauwerk, das Pontcysyllte Aquädukt, das den Kanal über 38 Meter hoch über das Tal des Flusses Dee führt. Es ist rund 307 Meter lang, hat 19 steinerne Bögen, wobei der eigentliche Wasserkanal aus Gusseisen statt aus Stein besteht.

„Captain Jones“ – Ein Mann und seine Pferdeboote

Die Tradition der touristischen Pferdeboote geht auf das späte 19. Jahrhundert zurück. Eine zentrale Figur soll der Legende nach der in Llangollen geborene Captain Samuel Jones, ein sehr charismatischer Kapitän, gewesen sein. Angeblich war er früher Seefahrer auf Weltreisen und erzählte den Gästen dramatische Geschichten aus aller Welt. Die Fahrten wurden schnell populär, weil sie eine Mischung aus Naturerlebnis, Technikgeschichte und Unterhaltung boten. 

Mit dem Narrowboat unterwegs

Ob Sie lieber zurück in die faszinierende Geschichte der Kanäle Großbritanniens schauen oder den Blick gerne auf ein Erlebnis der besonderen Art richten: Narrowboats (Schmalboote) erfreuen sich seit einigen Jahren wachsender Beliebtheit. Touristen dürfen Narrowboats sogar mehrtägig ohne Schiffsführerausweis mieten. Keine Angst: Kompasskenntnisse braucht es nicht – nur etwas Fingerspitzengefühl beim Begegnen eines anderen Narrowboats. Allzeit gute Fahrt!

Wer sich mit Hilfe einer Karte einen Überblick über die unterschiedlichen Kanäle in Großbritannien machen möchte, findet auf der Webseite von „Canal River Trust“ eine umfangreiche Darstellung sämtlicher Wasserwege: https://canalrivertrust.org.uk/canals-and-rivers

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