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Zwischen Hausboot und Brexit: Annette Dittert über ihre Liebe zu Großbritannien

Zwischen Hausboot und Brexit: Annette Dittert über ihre Liebe zu Großbritannien

Als langjährige ARD-Auslandskorrespondentin hat Annette Dittert die Welt bereist und dabei nicht nur als Journalistin, sondern auch als Autorin und Geschichtenerzählerin überzeugt. Ob Warschau, New York oder London – überall hat sie mit ihrer Berichterstattung und ihrem Blick für das Wesentliche die Medienlandschaft bereichert. Doch London wurde ihre Wahlheimat. Seit 2008 lebt sie am Regent’s Canal auf ihrem Hausboot „Emilia“ und erlebt von dort aus hautnah die britische Gesellschaft, ihre Eigenheiten und Umbrüche.

Für ihre Berichterstattung wurde sie mehrfach ausgezeichnet, darunter mit zwei Grimme-Preisen und dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis. Besonders ihre Reportagen aus Polen und ihre pointierte Brexit-Berichterstattung machten sie einem breiten Publikum bekannt. 2019 wurde sie zur „Politikjournalistin des Jahres“ gewählt.

Ende 2025 hat Annette Dittert den NDR verlassen, doch London bleibt weiterhin ihr Lebensmittelpunkt. Als unabhängige Journalistin und Publizistin sucht sie weiterhin nach Geschichten, die bewegen, erklären und die manchmal auch überraschen. Pünktlich zum zehnjährigen Jubiläum des Brexit-Referendums erscheint im Mai 2026 ihr neues Buch „Dear Britain – Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens“. Zu diesem Anlass haben wir ein Interview mit ihr geführt, in dem sie über ihre Liebe zu Großbritannien, das Leben auf dem Hausboot und die Auswirkungen des Brexit auf ihr Leben und ihre Sicht auf das Land spricht.

Wie hat sich Ihre Liebe zu Großbritannien über die Jahre entwickelt, seit Sie 2008 erstmals als ARD-Korrespondentin nach London kamen? 

Das war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Ich kam hier an und schon nach zwei Wochen wusste ich, dass ich hierbleiben wollte. Der Brexit war natürlich ein Rieseneinschnitt, danach gab es schon Momente, wo ich überlegt habe, wieder nach Deutschland zu ziehen, aber am Ende bin ich geblieben und habe es auch nicht bereut. Und London ist einfach nach wie vor die schönste Stadt der Welt. 

Gibt es ein Erlebnis im Zusammenhang mit dem Brexit, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist und Sie nachhaltig geprägt hat? 

Es gab viele Erlebnisse, aber besonders im Gedächtnis geblieben ist mir der Morgen danach. Ich kam aus Edinburgh zurück und fand auf meinem Boot einen großen Blumenstrauß mit einer Karte „Please, don‘t go!“ Das war ein seltsamer Moment, weil mir da erst klar wurde, dass ich selber ja auch mit dem Brexit gemeint war.  Mir wurde plötzlich bewusst, dass der Brexit auch für mich ganz persönlich ein echter Einschnitt werden würde. 

Wie erleben Sie die britische Gesellschaft aktuell – gibt es Themen, die Sie besonders beschäftigen? 

Das kann man schwer in eine kurze Antwort packen. Den Menschen hier geht es nicht gut, viele kämpfen um ihre Existenz und sind völlig desillusioniert. Kaum jemand glaubt noch daran, dass die traditionellen Parteien ihre Probleme lösen können, und so werden die Populisten immer stärker, auch hier. Der Premierminister Keir Starmer, den viele mit so viel Hoffnung im letzten Jahr gewählt haben, hat es einfach nicht geschafft, das Blatt zu wenden. Er hat zu viele Fehler gemacht, schon von Beginn an, und ist kein guter Kommunikator. Man weiß einfach nicht, was er will oder wofür er steht. Er kann den Menschen keine Hoffnung und keine Perspektive bieten. Das ist in diesen Zeiten nicht gut. 

Sie leben auf dem Hausboot "Emilia" am Regent’s Canal – Wie ist das Leben auf einem Boot? 

Schön! Sonst wäre ich nicht noch immer dort, mittlerweile im zehnten Jahr. Es ist ein bisschen wie Leben auf dem Land, und das aber mitten in London. Emilia liegt in einer kleinen Community von Bootsbesitzern. Wir passen aufeinander auf und haben kleine Gärten, die unsere Liegeplätze vor allem im Sommer zu einem der schönsten Orte in Central London machen. Man muss einfach nur lernen, auf wenig Platz zu leben, aber ich finde das eher befreiend. Man hat nicht so viel sinnloses Zeug um sich herum. 

Als Deutsche in Britannien: Haben Sie britischen Angewohnheiten übernommen?

Ich glaube schon, dass ich einiges von den Briten gelernt habe. Hier wird nicht ständig herumgemosert, wie in Deutschland, wenn etwas nicht funktioniert. Man ist gelassener und freundlicher. Das ist natürlich auch ein Klischee, aber ich finde eines der Klischees, die einen wahren Kern haben. Und ich glaube, und hoffe, dass das auch auf mich abgefärbt hat ... ;) 

Ihr neues Buch „Dear Britain“ nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise durch Großbritannien – was hat Sie dazu bewegt, gerade jetzt nach der Brexit-Dekade dieses Buch zu schreiben? 

Ich hatte 2017, direkt nach dem Brexit, ja schon mal ein Buch veröffentlicht, und seitdem bekomme ich jede Woche mindestens eine E-Mail von Lesern, die ein neues lesen wollen: Das hat mich angespornt, und dann wollte ich auch für mich selbst noch einmal zehn Jahre nach 2016 einmal intensiver nachsehen, was aus dem Land so geworden ist. Und wohin dieses Großbritannien eigentlich heute steuert. 

Gibt es eine Begegnung oder einen Ort aus dem Buch, der Ihnen besonders ans Herz gewachsen ist? 

Viele. Was ich persönlich besonders spannend und wunderschön fand, war der Norden von Wales, den ich für das neue Buch bereist habe. Eine Gegend, die so bizarr wie atemberaubend schön ist und die ich bislang kaum kannte. 

Was möchten Sie deutschen Leserinnen und Lesern über die „Seele“ Großbritanniens vermitteln? 

Ich möchte vor allem zeigen, dass dieses Land so viel komplexer und faszinierender ist, als man denkt. Viele Deutsche denken immer, ach, Großbritannien. Kennen wir. Die Royals, der Humor, Fußball, und dann ist es aber auch oft schon zu Ende. Wie facettenreich das wirklich ist, wie unterschiedlich die verschiedenen Nationen sind, das alles wird viel zu selten ernsthaft erklärt. Das war eines meiner Anliegen mit diesem Buch. 

Haben Sie einen Lieblingsort oder eine britische Tradition, die Sie unseren Leserinnen und Lesern ans Herz legen würden? 

Ich habe so viele Lieblingsorte, das würde den Rahmen dieses Interviews sprengen. Aber ich würde wirklich jedem empfehlen, nicht nur nach London zu reisen, sondern auch in die Ecken von GB, die weniger bekannt sind. Die Yorkshire Dales, zum Beispiel, liegen ein wenig abseits der üblichen Touristenrouten und ich mag sie ganz besonders. Auch wegen der Menschen, die dort noch freundlicher sind als sowieso schon hier. 

Gibt es ein britisches Produkt, einen Tee, eine Süßigkeit oder ein Accessoire, das für Sie typisch britisch ist und das Sie besonders mögen?  

Ganz sicher nicht Marmite… ;) Was ich richtig gern mag und viel zu oft zu nasche, ist britisches Weingummi. So viel besser als Gummibärchen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Großbritanniens – und für das Verhältnis zwischen Briten und Deutschen? 

Natürlich vor allem, dass wir uns wieder stärker annähern. Aber das ist ein frommer Wunsch, der viel Geduld braucht. Erste kleine Schritte gibt es aber schon, wie den Kensington-Vertrag, den deutsch-britischen Freundschaftsvertrag, den Bundeskanzler Friedrich Merz und Premierminister Keith Starmer im Juli 2025 in London unterzeichnet haben. 

 

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