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Willkommen im chinesischen Jahr des Pferdes

Willkommen im chinesischen Jahr des Pferdes

Während wir hier in Europa schon seit Wochen nach Ausreden suchen, warum wir den Dry January am 10. Januar doch wieder beendet haben und die neue Fitnessstudio-Karte bereits Staub sammelt, kommt London mit einer eleganten Erinnerung um die Ecke: Es gibt noch eine zweite Chance. Im chinesischen Mondkalender hat sich am 17. Februar das Tierkreiszeichen gewandelt, und zwischen Trafalgar Square und Chinatown wird mit Pauken, Trompeten und bunten Stäbchen das Pferd an diesem Wochenende begrüßt.

Hierzulande halten wir es nach wie vor ja eher preußisch: Kalender ist Kalender. Aber weil wir die Inselaner nicht nur still und heimlich für ihren trockenen Humor und ihren Geschmack für bedruckte Tapeten beneiden, sondern auch für ihre Feierfreude, werfen wir dieses Wochenende einen Blick ins West End. Dort wird rund um den 21. und 22. Februar eine der größten Neujahrsfeiern außerhalb Asiens gefeiert.

Jetzt gehen mir die Pferde durch

Bis zum 16. Februar war die Schlange dran. Klug, strategisch und leise. Ein Tier, das erst denkt und dann handelt. Oder eben nicht. Übertragen heißt das: Man beobachtet, analysiert und wägt ab. 2025 als großes Jahr des inneren Excel-Sheets. Alles durchgerechnet, dreimal abgesichert, bloß keinen falschen Schritt. Wenn etwas schiefging, dann wenigstens nach Plan. Die Schlange macht keine hektischen Bewegungen. Sie wartet und wartet. Und wartet dann noch ein bisschen mehr. 

Und jetzt kommt also das Pferd. Kein Vierbeiner mit Geduld. Und in China haben die Rösser noch Feuer unterm mongolischen Hintern und scharren stets ungeduldig mit den Hufen. Sie stehen nicht am Rand des Parcours und denken über ihre Möglichkeiten nach. 

Sie galoppieren los und nehmen die Hindernisse, wie sie kommen. So wie die heroische Halla unter Hans Günter Winkler. Der holte 1956 trotz kaputter Rippen noch Gold, dem edlen Ross sei Dank. Auf so einem treuen Getier wollen wir 2026 auch die Hürden nehmen und schnallen uns schon mal die Sporen um. An Silvester verleihen wir uns dann selbst die Medaille – sicher verstaut in der Tweedtasche von Heringbone. Jedenfalls machen es die Engländer so. Klarer Vorteil für das Pferdefreundliche Inselvolk.

Zwischen Trafalgar Square und Dumpling-Duft

Wir galoppieren also ins Jahr des Pferdes und das nicht irgendwo im fernen Osten, sondern mitten im Londoner West End. Während bei uns im Rheinland im Februar normalerweise nur der Karnevalszug für Bewegung sorgt, baut man auf dem Trafalgar Square eine Bühne auf, als stünde mindestens ein Staatsakt bevor. Tanzgruppen, Musikerinnen, Community-Vertreter – alles sauber geplant, alles pünktlich.

Ein paar Straßen weiter, rund um Chinatown in Soho, wird es dann so eng wie bei Air China in der letzten Reihe. Rote Laternen hängen zwischen Backstein und Pubschild, und es riecht nach gebratenen Nudeln, Sesam, süßem Teig, und irgendwo weht Chili durch die Winterluft und sorgt für kollektives Röcheln in den von Porridge verweichlichten Rachen der britischen Bevölkerung. Essensstände reihen sich aneinander wie die Hühner auf der Stange. Dabei brutzeln die hier natürlich längst im Topf. Füße inklusive, versteht sich.

Mit Schirm, chinesischem Charme und immer schön im Takt 

Diese ziehen mit viel Trommelwirbel über die Charing Cross Road und durch die Shaftesbury Avenue, als hätten sie das Mandat zur Welterklärung. Drachen schlängeln sich durch die Menge, Löwen reißen röhrend ihre Mäuler auf, und irgendjemand seufzt ehrfürchtig: „So etwas sieht man auch nicht alle Tage.“ Stimmt. Man sieht auch nicht alle Tage, dass Tausende Menschen dicht aneinander stehen, ohne sich über Parkplätze, Tempolimits oder Gedränge zu streiten. Keine Talkshow, die fragt: „Gefährdet das unsere Werte?“ Kein Sonderkommentar zur „Überfremdung durch rote Laternen“. Während bei uns Karneval schon vorbei ist, zieht in London die halbe Horde aus Madagaskar an viktorianischen Fassaden vorbei.

Eine Stadt, viele Kalender

London beherbergt eine der größten chinesischen Communities Europas. Entsprechend groß fällt das Neujahrsfest aus. Es gilt als eine der umfangreichsten Feierlichkeiten außerhalb Asiens, und das merkt man nicht nur an den Paraden, sondern auch an der Breite des Programms. Museen und Kulturzentren öffnen ihre Türen, überall werden Workshops angeboten, Kalligrafie erklärt und traditionelle Musik gespielt.

Und ganz nebenbei ist es eine neue Chance für alle, die ihre guten Vorsätze im Januar irgendwo zwischen Schneesturm, Steuererklärung und Schulanfang vertagt haben. Machen wir dann eben im Jahr der Ziege. Dann beginnt sowieso der ganze Zirkus – Entschuldigung, ich meine natürlich Zyklus – wieder von vorne und der Neustart ist dementsprechend umso größer, wichtiger und viel besser für viele nichtsversprechende Vorsätze geeignet.

马到成功 sagt man. Mǎ dào chéng gōng. Wenn das Pferd ankommt, kommt der Erfolg – so wünschen sich heute die Leute von London bis Lijiang ein frohes neues Jahr. Wir galoppieren schon mal los und sehen Sie dann spätestens im Ziel. 

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